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Eine Stunde Angie-Manie im Herzen der Lutherstadt

Kanzlerin Angela Merkel begann auf dem Markt ihre Wahlkampftour durch Sachsen-Anhalt

WITTENBERG/MZ. Wer wissen will, was noch übrig ist von der großen Koalition in Berlin, der braucht an diesem supersonnigen Spätsommertag um 17.30 Uhr nur hinaufschauen zu den Türmen der Stadtkirche: Die örtliche Sozialdemokratie lässt rote Luftballons herabregnen auf die Kanzlerin. "Auch mal schön", kontert die, "die SPD als Luft und ich als reale Rednerin."

Laute Lacher im Fanvolk innerhalb und außerhalb des doppelwandigen Gatters, das auf dem Wittenberger Markt die geladenen Gäste vom etwas gemeineren Volk trennt. 4 000 Leute, so zählen am Ende die Veranstalter, sind an diesem Dienstag auf den Wittenberger Markt gekommen, um Angela Merkel live zu erleben. Die "evangelische Pfarrerstochter" streichelt die Wittenberger Seele, spricht von der Stadt als "Attraktionspunkt", vom "Herzen der Reformation". Und die Sonne lacht dazu.

Schon am Mittag haben in den umliegenden Gebäuden, im Alten Rathaus, im Cranachhaus Markt 4, von Beruf misstrauische Menschen Stellung bezogen. Polizei, Security, auch Diensthunde sind im Einsatz. Aber es wird am Ende alles friedlich bleiben, wenn auch nicht immer leise: Dafür werden kleine und kleinste Grüppchen am Rande sorgen, Hartz-IV-Gegner, Nordumfahrungslobbyisten und Milchbauern mit schwarz-rot-goldener Kuh.

In der Wahlkampfdramaturgie hat sich die CDU längst links überholt. Harter Rock, die Stones, natürlich, begleiten den Einzug der Gladiatorin und ihrer Parteifreunde von der Landesebene. Alte Damen greifen beherzt zu orangefarbenen "Angie"-Plakaten, verteilt vom munteren "Team Deutschland", und werden sie, nach zagem Zaudern, sogar schwenken.

"Das Land ist deutlich vorangekommen", bescheinigt die Kanzlerin den "Sachsen-Anhaltinern" gleich mal vorneweg und nennt als Beispiele das Pisa-Ranking und die gelungene Absenkung der Neuverschuldung. In einem sehr heroischen Acht-Minuten-Filmchen ist das Publikum vor dem Einzug der Kanzlerin noch einmal erinnert worden an die Arbeit der Christdemokraten zwischen 1949 über 1989 bis heute. Auch Angela Merkel hält sich in ihrer Rede eine ganze Weile bei dieser Bilanz auf.

"Wir Älteren können noch ermessen, was sich verändert hat seit damals", sagt sie mit Blick auf die Wende, die Umwelt, die Meinungsfreiheit. "Ist doch schön, dass heute auf dem Marktplatz andere brüllen können, ohne dass ihnen was passiert", kontert sie, als der Geräuschpegel in den hinteren Reihen, bei den Gegnern, mal wieder etwas lauter wird. In der Sache aber verteidigt sie die Hartz-IV-Reformen. "Wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet", ruft sie unter lautem Beifall eines Publikums, das zu einem Großteil, aber keineswegs ausschließlich, schon seine Rente bezieht. Und Bildung sei der "Schlüssel dafür, dass es uns auch in zehn oder 15 Jahren noch gut geht". Ein junger Mann, erster Bartflaum, fragt am Gatter begeistert seine Nachbarin, ob die Kanzlerin nachher wohl noch Autogramme geben werde. Eher nicht, sagt die. Punkt 18.10 Uhr schraubt sich der Helikopter mit der Kanzlerin darin über die Dächer der Lutherstadt. Hinter dem Alten Rathaus springen noch ein paar Sozialdemokraten in roten T-Shirts herum. Wie's bestellt ist um Schwarz-Rot, hat der CDU-Landesvorsitzende Thomas Webel an die Wand gemalt: Wenn die die Mehrheit kriegen, machen die Rot-Rot, hat er gesagt. Da hat sich manch einer schön gegruselt.

 

Irina Steinmann, Mitteldeutsche Zeitung, 9.09.2009

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